14. Dezember 2014

Der gefrorene Augenblick

Ohne Bilder geht es in unserer Welt der Augenmenschen nicht mehr. Allgegenwärtig ist das Foto, jeder Laie knipst mit dem Handy und wirft die Bilder in die Welt hinaus: vom Abendessen und von Katzen, die sich nicht mehr wie Tiere verhalten, vom vollgespuckten Kinderlätzchen und von frisch lackierten Zehennägeln bis hin zum Selfie mit Urlaubsziel, Freundin oder neuem Auto. Es gibt eigentlich kaum noch etwas, was wir uns nicht anschauen müssen. Was wir nicht fotografieren müssen. Das System hat seine eigenen Zwänge: Würde dieser Beitrag ohne Foto im Blog stehen, würden die verteilten Links sich nicht präsentabel öffnen, würden nachweislich viel weniger Menschen den Text aufrufen. Aber wer liest ihn überhaupt? Schaut man sich nicht vielleicht nur die Bilder an?

Ein Pferd gesehen? Schon muss es geknipst, "eingefroren" werden.
Alles und jeder werden mittels Foto in einem Augenblick festgefroren - das Internet ist eine Ansammlung von vergehender Zeit geworden, weil die Sequenzen immer kürzer werden. Hat man in den Anfängen bei Facebook nur das allmonatliche Festessen in einem Restaurant festgehalten, wurde daraus der wöchentliche Sonntagsschmaus, dann das tägliche Mittagessen. Manche posten jede Mahlzeit und auch ihre "Fails" beim Kochen. Einer hat sich in den Finger geschnitten, bei einer anderen ist der Teig verdorben. Rasend schnell vergeht Zeit, weil Kätzchen wachsen, Hunde zunehmen, potenziert durch alle Tierhalter mit Fotoapparat.

In der Überflutung verliert man gern einmal den Sinn für einen besonderen Augenblick. Und wenn ich einen solchen erlebe - kann ich ihn dann noch genießen und unverfälscht wahrnehmen? Oder denke ich an Belichtungszeiten und wann ich mich bei Facebook einloggen werde? Ärgere ich mich womöglich, dass ich keinen Fotoapparat, kein Smartphone bei mir habe und der Augenblick folglich womöglich verdorben, weil nicht mitteilbar wäre?

Heute Vormittag rannte mein Hund bellend nach draußen ans Tor. Das macht er sonst nicht derart aufgeregt. Ich hörte an seiner Stimme, dass sich etwas Außergewöhnliches nähern musste, das nicht Nachbars Katze war und auch nicht nur ein anderer Hund. Neugierig bin ich zu Bilbo gelaufen und habe mich ganz eng neben ihn an seinem "Ausguck" niedergehockt. Auf Augenhöhe sah ich seinen gespannten Blick in die Weite, auf Tuchfühlung fühlte ich sein kleines Herz aufgeregt pochen. Er reckte die Nase in die Luft, witterte und streckte sich neugierig noch mehr. Da kam etwas um die Ecke ... ich erkannte ein Pferd. Möchtegernbeagles lieben Pferde und ich versuchte, das aufgeregte Kerlchen zu beruhigen mit dem Wort "Pferdchen". Das kennt er.

Plötzlich hatten wir eine Nase vor unserer Nase. Eine schwarze Lakritznase. Wie aus dem Nichts stand vor uns ein rothaariger, wunderschöner Hund, nur Zentimeter entfernt. Er schaute uns völlig ruhig an. Majestätische braune Augen. Ein Blick, der Geschichten erzählte. Und Bilbo hörte auf zu zappeln und blickte zurück. Zwei Hundenasen berührten sich für einen winzigen Augenblick zwischen den Zeiten - Stille herrschte. Bevor Bilbo wieder loslegte. Denn jetzt tappte ein patschnasses Pony ins Bild, musterte meinen Hund, tappte weiter - einen Menschen mit langem Wettermantel und Schlapphut im Schlepptau. Ich sage "Bonjour" und er dreht seinen Kopf ... unter dem Schlapphut braune, leicht verhangene Augen, die so sehr an die seines Hundes erinnern. Er schrickt sichtlich zusammen, der Blick findet in Zeitlupe aus einer anderen Welt zurück in die Zivilisation, er nickt ohne Worte, noch völlig überrascht, hier Menschen zu finden. In diesem Augenblick erzählen seine Augen, dass er gedankenverloren in einer völlig anderen Welt gewesen war. In einer Welt der Natur, der Stille, der inneren Ruhe. In der er eins gewesen war mit seinem Hund und seinem Pony.

Die drei laufen in der gleichen Stille, in der sie gekommen sind, zur Straße. Es fühlt sich an, als sei kurz eine andere Welt in den Alltag gefallen. Sie sind so schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht sind. Und Bilbo springt herum und erzählt etwas, erzählt der Nachbarhündin von einer seltsamen Begegnung. Ich gehe ins Haus und habe einen Augenblick in mir: Die Begegnung mit diesem majestätisch ruhig blickenden Hund, diese kurze Berührung zwischen zwei Nasen und das kleine klopfende Herz an meiner Seite.

Das sind die Augenblicke, die ich be-schreibend wie hier in einem speziellen Heft festhalte. Weil aus diesen Augenblicken Literatur entsteht. Und weil es immer schwieriger wird, inmitten der Bilderflut der gefrorenen Augenblicke die warm berührenden inneren Bilder festzuhalten. Gute Fotografen können solche Geschichten in ihren Bildern erzählen. Aber sie brauchen dazu wohl mindestens so lange wie ich bis zur fertigen schriftlichen Form.

Keine Kommentare: