25. Januar 2015

Schwarze Madonnen und Rocamadour

Wie so viele andere lese ich derzeit sehr intensiv den Roman Soumission (dt: Unterwerfung) von Michel Houellebecq (mehr dazu hier). Besonders berührt war ich, als der Protagonist ins Quercy flüchtet, denn in dieser kargen archaischen Region habe ich in Gedanken einige Monate zugebracht. Kaum einer interessiert sich fürs Quercy, die Touristinnen strömen in die Gegenden daneben. Aber es ist auch der Fluchtpunkt in meinem Roman Lavendelblues. Und als bewege sich jener Francois rückwärts durch mein Leben, landet er ausgerechnet in Rocamadour bei der Schwarzen Madonna und bleibt dort erst einmal hängen, kann sich der Faszination nicht entziehen.

Madonna aus dem Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg (Zeichnung PvC)
Es ist eine ganz besondere Szene, die Houellebecq da beschreibt. Jene Schwarze Madonna, die übrigens als die Schutzherrin der Troubadoure, Schriftsteller und Musiker gilt, macht etwas mit seinem Protagonisten, das der Hochintellektuelle nicht fassen kann. Würde jener Francois sein Erlebnis, das sich über einen Monat aufgebaut hat, nicht sofort abbrechen und als Unterzuckerungsschock abtun - man würde es ein spirituelles Erlebnis nennen. Er wischt es weg, weil die Begegnung ihn im Bewusstsein seines beschädigten Körpers und seiner Unzulänglichkeiten zurücklässt. Die Schwarze Madonna von Rocamadour hat ihn förmlich auf sich selbst zurückgeworfen. Das ist jener "Point of no Return", den man nutzen kann, um frei zu werden und selbstverantwortlich. Francois dagegen fährt der bequemen "Unterwerfung" entgegen.

Berührt hat mich diese Szene deshalb besonders, weil ich mir viele Gedanken darüber gemacht habe, warum diese spezielle Form von Madonnen, die eigentlich "thronende Madonnen" heißen müssten, so ganz anders geschnitzt sind und planvoll in den Krypten romanischer Kirchen aufgestellt wurden. In meinem Buch "Schwarze Madonnen" beschreibe ich den ursprünglich genau austarierten Punkt, auf den diese Madonnen starren, das Weisen ihrer übergroßen Hände und das Wesen jenes seltsam erwachsen wirkenden Jesus. Die Symbolik der Pfeiler, zwischen denen der Pilger die Figur betrachtete, bildete den Endpunkt eines Pilgerwegs ins "Herz" einer Kirche, ins geheimnisvolle Dunkel, das sich langsam mit Licht füllt. Ich beschreibe diesen Weg in die äußeren und in die eigenen Schatten und jenes abrupte Zurückgeworfenwerden auf das eigene Sein, das sich in der symbolbeladenen Romanik noch unvermittelter mitgeteilt haben muss als heute. Genau das spürt Francois im Roman.

Wie besonders muss die Madonna von Rocamadour wirken! Ich habe sie leider nie in Wirklichkeit gesehen, kenne sie nur von Fotos. Ausgerechnet diese Reise nach Rocamadour hat sich für mich nicht ergeben, oder es kam etwas dazwischen. Als ich mein Buch schrieb, fiel sie mir als besondere Schönheit auf, aber nur als eine unter mehreren. Bis dann eines Tages die BBC an mich herantrat und fragte, ob ich als Spezialistin für diese Kunstform bei einem Projekt mitarbeiten wolle. Es ging um eine DVD mit dem Stabat Mater von Francis Poulenc und anderen Aufnahmen, bei dem ich eine der drei Fachfrauen im Interview war und zu dem ich das Beiheft verfasste.

Jetzt erinnert mich Francis Poulenc unwillkürlich an Houellebecqs Francois - nur dass der Komponist einen völlig anderen Weg beschritt. Francis Poulenc hatte sich früh völlig von der katholischen Kirche losgesagt und war ein Freigeist, ein Libertinist. Keinen Gedanken verschwendete er mehr an Religion. Und eines Tages, als sein enger Freund bei einem Autounfall tragisch ums Leben gekommen war, reiste er in tiefer Trauer nach Rocamadour ...

Francis Poulenc erlebte bei der Schwarzen Madonna von Rocamadour eine Art spiritueller "Erleuchtung", wandelte sich vollkommen. Er trat daraufhin in die katholische Kirche ein und komponierte fortan Chorwerke und Kirchenmusik, die seinesgleichen sucht. Der moderne Troubadour hatte seine Göttin Minne gefunden - die Madonna von Rocamadour stand im Mittelpunkt seines Glaubens. Ein Phänomen, das sich nicht greifen lässt, das so viel mit Houellebecqs Roman zu tun hat und doch so wenig. Ich muss zugeben, ein wenig Gänsehaut habe ich schon. Manchmal schließen sich bei einer kreativen Arbeit Kreise ...

Denn im Moment bin ich dabei, mein Buch "Schwarze Madonnen" noch einmal völlig neu zu überarbeiten. Es soll als E-Book voraussichtlich Ende Februar erscheinen und danach auch in einer aktualisierten Form im Druck.

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