das Projekt

Drei Regionen, drei Länder, eine Leidenschaft: Grenzgängereien zwischen den Kulturen - und von allen das Schönste genießen ...

Angefangen hat alles mit einem Buch.
Als 2004 erstmals mein "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" erschien (damals im Hanser Verlag, jetzt TB im Insel-Verlag und E-Book in der Edition tetebrec), war ich glücklich. Endlich hatte mich ein Verlag völlig frei schreiben lassen, so wie ich glaubte, Menschen eine Region, ihre Kultur, Geschichte und Kochkunst lebendig erfahrbar machen zu können. Das Lektorat war Luxusklasse: Drei Tage lang arbeiteten wir hart an den Endkorrekturen, schauten uns die Schönheit des Nordelsass an und dann kochte ich auch noch die aufregende Hauptsache - den Zander. Ich hatte zuvor noch nie ein Lektorat auch auf der Zunge genossen!

Damit hatte ich ein Schreiben gefunden, das meine Leidenschaft weckte: Das literarische Sachbuch, das nicht nur fast wie ein Roman zu lesen war, sondern sich auch mit einer Landschaft verband; dem ich in Kochtöpfen bei Freunden wiederbegegnete, für das die Realität ständig neue Geschichten lieferte. Der Wald flüsterte sie, im Bach plätscherten sie dahin, eine alte Frau in einem abgelegenen Dorf erinnerte sich daran. Meine Umgebung führte zu diesem Buch, aber das Buch veränderte auch meine Sicht auf die Umgebung.

Als dann eine Anfrage kam, ein deutsch-französisches Theaterprojekt zu übersetzen, griff ich zu. Verständnis für beide Kulturen war gefragt und der Text verkörperte sich in zwei Ländern auf der Bühne. Ich hatte Blut geleckt und fand ein anderes Projekt einfach berauschend: Über die Grenzen hinweg sollten Geschichten und Geschichte real in die Landschaft finden, in einer Mischung aus Text, Illustration und Kunstobjekten erzählt werden. Das war es, was mir wirklich Spaß machte: Alle Grenzen im Kopf sprengen, nicht nur die nationalen, sprachlichen und kulturellen, sondern auch die Beschränkung durch Buchtexte. Und das alles nicht im stillen Kämmerlein, sondern in einem Team mit Fachleuten aus unterschiedlichen Bereichen. Um wie viel länger würde eine Installation im Wald etwas preisgeben als ein modernes Taschenbuch! Wie würde es sein, sie zufällig auf einer Wanderung zu entdecken? So ganz anders als bei einem gezielten Einkauf im Buchladen. Ich wusste zu jener Zeit noch nicht, dass es einen Namen für meine neue Faszination gab. Transmedia Storytelling. In meinem speziellen Fall Transcultural Transmedia Storytelling. Eines war gewiss: Ich würde ein neues Wort für diesen Ausdrucksmoloch finden müssen.

Es begann dann alles mit einem weiteren Buch. Wieder veränderte eins meiner Bücher mein Leben von Grund auf. Das mag daran gelegen haben, dass es wie kein anderes so "ganz meins" ist, dass ich hier meine Leidenschaft literarisch wie gestalterisch völlig frei austoben konnte. "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" hatte real einen Gedankenanker in Baden-Baden geschlagen, weil ich dort das Mariinsky in Gastspielen live erleben konnte, in dem Nijinsky einst gelernt hatte. Die Faszination für russische Kultur und Kunst gab mir eine Schnapsidee ein: In der Stadt sollten viele Russen sein, wie spannend! Aber wie lernt man die kennen?

Der Erstkontakt kam durch eine Vermittlung um zig Ecken zustande und ist in seiner abenteuerlichen Konstellation allein eine Geschichte wert. Ich war aufgeregt wie selten zuvor und nachher erstaunt, wie schnell der Nachmittag vergangen war. Da hatte es mich aber auch schon gepackt, ein Zurück gab es nicht mehr, eher ein Gefühl wie Heimkommen. Inzwischen bin ich aktives Mitglied in der Deutsch-Russischen Kulturgesellschaft, halte Vorträge, helfe bei der Vorbereitung von Ausstellungen und anderen Veranstaltungen. Und inzwischen wächst mein rudimentäres Russisch, wobei ich durch's Polnische einiges verstehe, ganz langsam zumindest passiv an.

Ich arbeite wie nie zuvor sehr regional, äußerlich scheinbar begrenzt auf einen engen geografischen Raum. Doch durch die Grenzüberschreitungen ist meine Welt riesig geworden, verschiebt sich der Horizont immer weiter. Längst ist diese Arbeit nicht mehr nur binational orientiert im Dreiländereck von Elsass, Baden und der Pfalz. Sie verbindet auch ganze Nationen wie Deutschland und Russland und bald vielleicht auch Frankreich und Russland. Manche mögen sich wundern, dass ich nicht wie andere jährlich oder gar halbjährlich ein Buch schreibe. Bücher wie das über Nijinsky und die Ballets Russes müssen lange recherchiert werden, schreiben sich nicht in wenigen Monaten. Aber meine Texte haben sich längst von der Buchform auch emanzipiert. Sie stehen im Bergwald, sind live zu hören, bewegen sich im Internet. Ich träume von einer Welt, in der künstliche Begrenzungen keine Rolle mehr spielen, wenn sich Menschen miteinander verständigen, miteinander kommunizieren. Wir alle tragen unsere eigene Geschichte, unsere Geschichten in uns. Was für ein Reichtum entsteht, wenn es gelingt, dies miteinander auszutauschen!

So hatte ich dann auch endlich ein Wort für all das gefunden, was mein Leben wie mein Schreiben ausmacht: Grenzgängereien. Eigentlich begann es gar nicht mit einem Buch. Eigentlich begann es damit, dass ich selbst aus einer Familie stamme, die ständig irgendwohin unterwegs war, emigrierte und immigrierte, flüchtete und sich auch freiwillig aufmachte. Und natürlich in Teilen auch völlig unbeweglich war, geografisch wie im Kopf.

Jene innere Landkarte der Vergangenheit reicht im Osten nach Polen, Tschechien und Galizien, im Westen bis in die USA. Und ich sitze nun irgendwo in der Mitte, auf der alten Kulturachse zwischen Paris und Sankt Petersburg, und weiß, dass ich nicht stillsitzen kann. Es sind die Koffer der Menschen, die vor Geschichten bersten. Wir nehmen sie überall hin mit wie unsere Leben. Grenzkontrolleure, die nur ihre Bestimmungen und Unterscheidungen im Kopf haben, sind blind dafür. Sie betasten Gegenstände nach Rastermethoden. Sie stecken Menschen in Schubladen. Aber die Geschichten, die aus diesen Koffern quellen - die wollen wie Schätze gehoben werden. Erzählt werden. Erlebt werden. In kleinen und großen Grenzgängereien.